Windhorst: Ja oder Nein - Jeder muss sich zur Organspende erklären - Kammer begrüßt EU-Initiative zur Organspende und stellt Maßnahmenkatalog vor

Die von dem EU-Gesundheitskommissar Dalli angeregte Diskussion über die Änderung der Organspende-Regelung wird von der Ärztekammer Westfalen-Lippe begrüßt und nachdrücklich unterstützt. Um die national weiterhin unbefriedigende Situation bei der Organspende zu verbessern, ist nach Ansicht von Kammerpräsident Dr. Theodor Windhorst die Abkehr von der derzeitigen Regelung dringend erforderlich. „Die Menschen müssen zum Thema Organtransplantation auch durch die Ärzteschaft mehr und intensiver informiert werden und sollen sich danach erklären, ob sie zu einer Spende bereit sind. Diese Verbindung von Informations- und Erklärungslösung garantiert das Selbstbestimmungsrecht der Menschen. Das ist dann die Selbstbestimmungslösung.“

Für den Kammerpräsidenten ist die Bereitschaft zur Organspende ein „humanistischer Solidarauftrag, mit dem man Leben schenken kann“. Aber derzeit seien noch nicht genügend Menschen bereit zu dieser Gabe an den Nächsten. Alle bisherigen Aktivitäten, die Zahl der Organspenden in Deutschland signifikant zu erhöhen, hätten bislang keine ausreichende Organspenderzahl erbracht. Noch immer sterben jährlich etwa 1.000 Patienten auf der Warteliste. Auch de Erfolgsaussichten der Schwerstkranken nach einer erfolgten Transplantation werden immer schlechter, da während der langen Wartezeit der Schweregrad der Erkrankung steigt. Die Ein-Jahres-Überlebensrate bei Nierentransplantationen zum Beispiel sinkt deutlich.

Windhorst setzt sich für einen umfangreichen Maßnahmenkatalog ein, um die Zahl der Organtransplantationen zu steigern. Die Krankenhäuser müssten demnach hirntote Patienten verpflichtend melden. Alle Krankenhäuser mit Intensivstation müssten Transplantationsbeauftragte oder Koordinierungsgruppen vorhalten, die auf Grundlage des gemeinsam von Ärztekammer Westfalen-Lippe und Deutscher Stiftung für Organtransplantation (DSO) entwickelten Curriculums Organspende arbeiteten. Es sollen weiterhin genügend hochprofessionelle Organ-Entnahmeteams einsatzbereit zur Verfügung stehen. Windhorst will zudem eine klare Kostendeckungsgarantie für die Prozedur der Organentnahmen für die Kliniken erreichen. Eine frühzeitige Kooperation mit der DSO bei Organtransplantationen solle Pflicht werden. Und schließlich fordert Windhorst: „Die derzeitig geltende erweiterte Zustimmungslösung muss durch eine Erklärungslösung kombiniert mit Informationslösung geändert werden.“

Nach Ansicht des Kammerpräsidenten liegen die Schwächen der derzeitigen gesetzlichen Regelungen auf der Hand: „Kaum jemand in unserer Bevölkerung beschäftigt sich zu Lebzeiten mit dem Thema Organspende. Schon gar nicht wird diese Entscheidung als Geste der Spende oder als Akt der Nächstenliebe mit den Angehörigen kommuniziert. In Zeiten von Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten kann man aber von jedem einzelnen erwarten, dass er sich zur Organspende erklärt.“

In der Debatte um die Organspende müssten sowohl die Rettung schwerstkranker Menschen vor dem Tod als auch die Würde nach dem Tod und das Selbstbestimmungsrecht jedes Einzelnen berücksichtigt werden. Windhorst: „Unter Wahrnehmung seiner Persönlichkeitsrechte kann man ‚Ja’ oder ‚Nein’ sagen, aber man muss sich erklären.“ Selbst wenn jemand ein ‚Nein’ dokumentiere, erleichtere diese klare Aussage den gesamten Prozess um eine mögliche Organspende, besonders auch für die Angehörigen. Im Fall eines nachgewiesenen Hirntodes ohne Spendererklärung müsse nämlich das Gespräch mit den Angehörigen für eine Spende in einer emotional schwierigen und hoch belasteten Situation der Trauer und des Abschieds geführt werden. Auch dies führe zu einer hohen Ablehnungsquote durch die überforderten Angehörigen.

Mit seinen Forderungen sieht sich Windhorst im Einklang mit dem Nationalen Ethikrat, der 2007 als Begründung für eine Erklärungslösung die Anwendung der „Goldenen Regel“ als Entscheidung zur Zustimmung zur Organentnahme postulierte: Wenn die Bürger davon ausgehen können, dass Organimplantation akzeptiert wird, ist auch die Organentnahme nicht unerlaubt. Bei allen diesen Regelungen müssen zusätzlich immer noch die Angehörigen informiert werden, die ein Vetorecht geltend machen können. Windhorst will diese Informationen stufenweise in der Gesellschaft verankern. „Nach einer gewissen Zeit der Informationsverbreitung könnte diese Regelung dann als Maßstab des Verhaltens zur Organspende gelten. Dieses Bündel an Änderungen wird nach den Erfahrungen anderer Länder zum Abbau der Wartelisten führen, die Patienten adäquat versorgen und zu einer besseren Lebensqualität beitragen.“