Organ-Importe helfen Wartelisten-Patienten in Deutschland - Wer darf mit neuem Organ überleben? Organspenden reichen nach wie vor nicht aus

Gesamtgesellschaftliches Engagement, aber auch den Beitrag jedes einzelnen Bürgers für die Organspende fordert der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. Theodor Windhorst: „Wir sind auf einem guten Weg, aber noch längst nicht weit genug“, kommentiert Windhorst, dass in den ersten vier Monaten in Nordrhein-Westfalen 101 Organspenden realisiert werden konnten – im Vorjahr war diese Zahl erst einen Monat später erreicht. Vor dem morgigen „Tag der Organspende“ erinnert der Ärztepräsident: „Die zur Verfügung stehenden Spenden reichen vorne und hinten nicht aus, um all den Schwerkranken auf den Wartelisten für neue Organe helfen zu können. Jeden Tag stellt sich die Frage neu: Wer darf überleben? Das lässt keinen Arzt kalt und darf auch keinen Bürger unberührt lassen.“

Erfreulich sei, dass nach aktuellen Umfragen nunmehr 17 Prozent der Deutschen über einen Organspendeausweis verfügten, 2001 waren es noch zwölf Prozent. „Das belegt, dass all die großen und kleinen Initiativen, den Organspende-Gedanken in die Köpfe der Menschen zu bringen, allmählich Erfolg zeigen.“ Auch die Ärzteschaft sei, nicht zuletzt durch neue, spezielle Fortbildungsangebote der Ärztekammer für Transplantationsbeauftragte, sensibler für das Thema geworden. Dies alles genüge jedoch noch nicht: Eine deutliche und nachhaltige Steigerung der Spendenzahlen sei nur über eine Änderung der gesetzlichen Vorgaben zu erreichen. Vorbild seien europäische Länder mit einer „Widerspruchslösung“, in denen jeder Organspender wird, wenn er nicht ausdrücklich widerspricht oder Angehörige ihr Veto einlegen. Nur so lasse sich auch die Warteliste abbauen, auf der in der Bundesrepublik trotz Organ-Importen aus anderen europäischen Ländern täglich drei Patienten sterben, weil ihnen kein Organ vermittelt werden kann: „In Ländern mit Widerspruchlösung“, verdeutlicht Dr. Windhorst, „stehen Spenderorgane hingegen meist binnen weniger Monate zur Verfügung“.

Solange in Deutschland keine Widerspruchslösung zustande kommt, setzt der Ärztekammer-Präsident auf eine „Informationslösung“. „Die Bürger sind Teil unseres solidarischen Gesundheitssystems, jeder hat ein Selbstbestimmungsrecht.“ Wichtig sei, dies Recht auch für Entscheidungen zu nutzen, auch wenn sie schwierig sind: „Wenn sich sechs von zehn Bürgern schon zu Lebzeiten für eine Feuerbestattung entschließen, bei der ihre Organe in Flammen aufgehen, dann kann man sicherlich auch verlangen, dass sie über eine Organspende nachdenken und dann eine Entscheidung dafür oder dagegen treffen, die auch dokumentiert wird.“ Diese Bedenkzeit müsse durch eine intensive Informationskampagne begleitet werden.

„Die Entscheidung für die Organspende nach dem zweifelsfrei festgestellten Hirntod ist das letzte große Geschenk der Nächstenliebe, das ein Mensch machen kann“, ist Dr. Windhorst überzeugt. Organtransplantationen von lebenden Spendern, in den vergangenen Wochen durch prominente Patienten verstärkt ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten, seien keine Alternative, allenfalls ein Hilfskonstrukt: „Diese Möglichkeit scheint zwar manchen Mitleidenden als allerletzte, verzweifelte Wahl. Organ-Lebendspenden sind aber mit erheblichem Risiko hinsichtlich Komplikationen und Schädigungen für den Spender behaftet.“