Kinderschutz: Teile der Gesellschaft versagen bei den Kleinsten - Windhorst fordert Erleichterung bei der Zusammenarbeit von Ärzten und Jugendämtern

Der Schutz der Kinder vor Misshandlung und Vernachlässigung ist eine besondere gesell-schaftliche Aufgabe. „Der Staat und insbesondere auch die Ärzte sind gefordert, einen umfassenden Kinderschutz aufzubauen und aufrecht zu erhalten.“ Dies erklärt der Präsi-dent der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. Theodor Windhorst. Er kritisiert in diesem Zusammenhang, dass vor einigen Wochen das von der großen Koalition geplante Gesetz zur Verbesserung des Kinderschutzes im Deutschen Bundestag gescheitert sei. Eine neue Regierung müsse nach der Bundestagswahl das Thema Kinderschutz umgehend wieder auf die Tagesordnung nehmen, so Windhorst, und durch eine bundeseinheitliche Rege-lung Klarheit schaffen – im Sinne der Kinder.

Man dürfe nicht die Augen davor verschließen, dass die Zahl der bekannt gewordenen Kindesmisshandlungen in Deutschland in den letzten zehn Jahren gestiegen ist: 2008 registrierte das Bundeskriminalamt mehr als 4000 Fälle von Kindesmisshandlungen, 1999 waren es etwa 2600. „Und dabei ist die sicherlich erhebliche Dunkelziffer nicht berücksichtigt“, sagt Windhorst.

Den Ärzten weist der Kammerpräsident eine besondere Rolle beim Schutz der Kinderge-sundheit zu. Dieser Verantwortung sei sich die Ärzteschaft auch bewusst. Zwar dürften die Ärzte nicht für Versäumnisse der Gesellschaft haftbar gemacht werden. Es müssten aber dringend die nötigen finanziellen und strukturellen Rahmenbedingungen geschaf-fen werden, um von Vernachlässigung oder Gewalt bedrohte Kinder rechtzeitig zu iden-tifizieren und ihnen die notwendigen Hilfen zur Verfügung stellen zu können. „Die Inter-aktion zwischen Ärzten und Jugendämtern muss erleichtert werden“, fordert Windhorst.

Die ansonsten engen Fesseln der ärztlichen Schweigepflicht müssten bei Anhaltspunkten für eine Kindswohlgefährdung gelockert werden. Es müsse einem Arzt möglich sein, umgehend und ohne Zustimmung der Eltern bei Verdacht auf eine Gesundheitsgefähr-dung eines Kindes das Jugendamt zu informieren. Dabei sei aber wichtig, das besondere Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient durch eine ärztliche Informationsmög-lichkeit nicht zu gefährden. Es gelte eine einfach Regel: „Kinderschutz geht vor Daten-schutz“. Wer Kinderschutz im ärztlichen Alltag realisieren wolle, dürfe nicht von der Schweigepflicht ausgebremst werden.

Auch die Zusammenarbeit der Ärzte untereinander dürfe bei Anhaltspunkten für eine Kindesmisshandlung nicht blockiert werden. Nur so könne man das „Ärzte-Hopping“ verhindern, durch das sich Eltern, die ihren Kindern körperlichen oder seelischen Schaden zufügten, kritischen Nachfragen oder Prüfungen entzögen.

Windhorst stellt fest: „Teile der Gesellschaft scheinen immer öfter beim Schutz der Kleinsten zu versagen. Wenn ein Kind in den Teufelskreis von Armut, Krankheit und Ver-nachlässigung geraten ist, zerstört das seine Seele. Dabei dürfen wir nicht tatenlos zuse-hen.“ Es habe sich erwiesen, dass die Etablierung von so genannten Frühen Hilfen ein effektiver Weg sei, um Kinder vor Misshandlung und Vernachlässigung zu schützen. Hierfür müsse ein gesamtgesellschaftliches Netzwerk zwischen Ärzten, Gesundheitsäm-tern, Jugendämtern, sozialen Diensten, Hebammen, Kindergärten und Schulen aufgebaut werden.

Die Ärztekammer Westfalen-Lippe hat sich des Themas Kinderschutz bereits durch meh-rere Informationsveranstaltungen für Ärzte und die interessierte Öffentlichkeit ange-nommen. Diese Reihe wird fortgesetzt. Im März des kommenden Jahres wird das 3. Fo-rum Kinderschutz der Ärztekammer stattfinden. Dann, so Windhorst, werde man auch nochmals deutlich ein einheitliches Bundesgesetz zum Kinderschutz fordern.