Kammerpräsident plädiert für mehr Sachlichkeit und Augenmaß - Windhorst: Wartezeit-Debatten und Ärzte-Schelte zerstören das vertrauensvolle Arzt-Patientenverhältnis

Die immer wiederkehrenden Diskussionen um Wartezeiten und vermeintliche Behandlungsfehler zerstören nach Ansicht des Präsidenten der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. Theodor Windhorst, das von Vertrauen getragene Arzt-Patientenverhältnis nachhaltig. Er plädiert für mehr Sachlichkeit und Augenmaß bei diesen Themen. „Wenn diese Sachverhalte immer wieder vorwurfsvoll aufgebracht werden, um auf die Ärzte einzudreschen, muss man sich nicht wundern, dass die Patienten den Glauben an eine qualitativ hochwertige helfende Behandlung verlieren.“

Es sei Unsinn, unterschiedliche Wartezeiten auf einen Arzttermin ständig als Beleg für eine angebliche Zwei-Klassen-Medizin oder einem Profitstreben der Ärzteschaft heranzuführen, weil unterschiedliche Versicherungssysteme miteinander konkurrierten. „Jeder Arzt vergibt seine Termine nach Erkrankung und Dringlichkeit. Insofern handelt der Arzt stets nach bestem Wissen und Gewissen. Und es ist wohl auch nicht in 6,3 Millionen Fällen böser Wille des Patienten, wenn dieser einen Termin, ohne bewusst den Arzt düpieren zu wollen, absagen muss.“ Regelungen oder Vorgaben, wie sie derzeit in der Wartezeit-Debatte vom Bundesgesundheitsministerium geplant werden, sind Kammerpräsident Windhorst „herzlich willkommen, solange sie nicht das bewährte System zerstören und den Bedürfnissen der Patienten entgegenkommen“.

Schuldzuweisungen wirkten sich ebenso negativ auf das vertrauensvolle Arzt-Patientenverhältnis aus wie die „Panikmache mittels Ärzte-Schelte“, warnt Windhorst in der aktuellen Ausgabe des Westfälischen Ärzteblattes. Medienkampagnen wie jüngst die des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) seien ungehörig und führen nach Meinung des Kammerpräsidenten auch zu einer Verunsicherung der Patienten. Der MDK hatte Ende Mai eine Statistik über Patientenbeschwerden und Gutachten zu Behandlungsfehlern vorgelegt, nach der die Zahl der Gutachten um 2000 auf 14.600 im vergangenen Jahr gestiegen sei, etwa 17 Prozent mehr als noch im Vorjahr.

So blieb in der Berichterstattung verborgen, dass zwar die Zahl der Beschwerden gestiegen sei, die Zahl der am Ende bestätigten Behandlungsfehler allerdings sogar um 200 zurückging. Längst nicht jeder mache sich die Mühe nachzuvollziehen, worüber sich Patienten eigentlich beschwert hätten: Vermeintliche zahnmedizinische Fehler nehmen bei den Beschwerden breiten Raum ein, auf Platz sechs der Beschwerde-Hitliste geht es um Vorfälle aus dem Pflege-Bereich. „Was aber in der öffentlichen Wahrnehmung der Einfachheit halber wohl auch in die Verantwortung der Ärzte fallen soll“, kritisiert Windhorst.

„Statt Patienten Angst zu machen, sollte auch der MDK die Fakten im Zusammenhang darstellen. Alle wissen, dass jeder Fehler selbstverständlich einer zu viel ist. Das ist genauso Konsens in der Ärzteschaft wie der Wille zum transparenten Umgang mit Fehlern.“ Sie würden in Ereignismeldesystemen analysiert, die Erkenntnisse daraus flössen in die ärztliche Fortbildung ein. Die Ärztekammer Westfalen-Lippe hat nach Aussage Windhorsts schon vor Jahren ein „Critical Incident Reporting System“ (CIRS) initiiert, mittlerweile betrieben die nordrhein-westfälischen Ärztekammern, Kassenärztlichen Vereinigungen und die Krankenhausgesellschaft NRW „CIRS-NRW“ als landesweites System gemeinsam. „Das wird weithin anerkannt – erst vor einigen Wochen wurde CIRS-NRW mit dem Deutschen Preis für Patientensicherheit ausgezeichnet.“

Nur wenige Medien hätten der Versuchung der „Ärzte-Schelte“ widerstanden und gegen den medialen Mainstream die Situation einmal andersherum zu erklären versucht: „Angesichts immer größerer Arbeitsbelastung von Ärzten und Klinikpersonal ist es sehr beachtlich, dass die Fehlerquote nach wie vor so gering ist. Denn in diesem Bereich droht in der Tat Gefahr.“ Die Beschäftigten in den Kliniken müssten dauernd bis ans Limit gehen, „ein gefährliches Spiel mit dem Feuer“. Das ständige Ausreizen der Belegungsmöglichkeiten eines Krankenhauses könne die Behandlungsqualität negativ beeinflussen. Denn die Personalausstattung eines Krankenhauses, so eine aktuelle Untersuchung der Universität Köln mit Daten aus deutschen Kliniken, sei für eine Bettenauslastung von 85 bis 90 Prozent ausgelegt. Steige die Belegung über diesen Wert, drohten Qualitätseinbußen durch Überlastung von Ärzten und Pflegepersonal.  Unter hohem Arbeitsdruck wachse die Gefahr von Fehlern. Ab 92,5 Prozent Bettenbelegung, so die Studie, steige die Mortalitätsrate der Patienten. „Solche Entwicklungen bei der Planung von Versorgungsstrukturen regelhaft in Kauf zu nehmen, ist bewusst nachlässiges Handeln, um Kosten zu sparen – eben Pfusch, der die Patientenversorgung gefährdet.“