Kammer will Sensibilität für Demenz in der Gesellschaft, in Kliniken und Praxen weiter stärken – ÄKWL unterstützt Nationale Demenzstrategie und fordert verlässliche Versorgungsstrukturen für Demenzkranke

Die Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL) befürwortet die Anfang Juli von der Bundesregierung verabschiedete „Nationale Demenzstrategie“, mit der die Regierungkonkrete Ziele für eine demenzsensible Gesellschaft formuliert hat und damit ein größeres gesellschaftliches Bewusstsein für Menschen mit Demenz sowie umfassende Beratungsangebote für Betroffene und deren Angehörige schaffen will. Ein wesentlicher Bereich ist dabei auch die gesundheitliche und pflegerische Versorgung, für die sich die ÄKWL schon seit vielen Jahren einsetzt. Kammerpräsident Dr. Hans-Albert Gehle fordert aber auch eine Verstetigung der jeweiligen Maßnahmen der Nationalen Demenzstrategie, von denen es 162 geben soll. „Punktuelle Maßnahmen, die nach einer gewissen Zeit wieder auslaufen, selbst wenn sie erfolgreich sind, bringen uns nicht weiter. Wir brauchen eine langfristige Finanzierung der Maßnahmen, um so verlässliche Versorgungsstrukturen für die Demenzkranken zu schaffen.“

„Wir begrüßen und unterstützen die ‚Nationale Demenzstrategie‘ ausdrücklich“, sagt auch die Demenzbeauftragte der Kammer, Stefanie Oberfeld. als erste und immer noch bundesweit einzige Ärztekammer hat die ÄKWL bereits seit 2013 eine Demenzbeauftragte. Ihre Aufgabe ist es, die Bedeutung des Themas Demenz in der ärztlichen Patientenversorgung besonders herauszustellen und in ein fortschrittliches Konzept einzubinden. So wurde bereits im Jahr 2014 gemeinsam mit der Ärztekammer Nordrhein ein Jahr der Demenz durchgeführt. In zahlreichen zum Teil auch unkonventionellen Veranstaltungen wurden das Thema ‚Menschen mit Demenz‘ sowie die Situation der Angehörigen von Demenzkranken in den Fokus gerückt. Seither finden jährlich in beiden Kammern Fortbildungsveranstaltungen zu diesem Themenkomplex statt. Diese Veranstaltungen in Kooperation mit der nordrhein-westfälischen Krankenhausgesellschaft und dem Paritätischen NRW sind bewusst multiprofessionell ausgerichtet und richten sich neben Krankenhaus- und niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten auch an alle anderen betroffenen Berufsgruppen aus Pflege, Therapie und sozialer Arbeit.

„Voneinander lernen und miteinander gestalten sind die Grundlage der bisherigen Arbeit. Seither ist die Sensibilität auch in den Krankenhäusern und Arztpraxen für die Erkrankung und ihre Folgen noch größer“, so Oberfeld. Die Auswirkungen einer Demenzerkrankung auf das medizinische System seien immens: Die vermeintliche „Nebendiagnose Demenz“ sei häufig die eigentliche Ursache zahlreicher Krankenhauseinweisungen aufgrund von Frakturen oder Verschlechterungen des Allgemeinzustands insbesondere im Alter. Die nicht gestellte Diagnose einer Demenzerkrankung führe in zahlreichen Fällen zu einer Überforderung des Umfelds – sei es zu Hause oder in der Klinik – und einer in der Folge nicht fachgerechten Behandlung der betroffenen Patienten.

Das Fundament einer individuell abgestimmten und verhältnismäßigen Therapie ist für die Demenzbeauftragte der ÄKWL daher die sorgfältig und differenziert gestellte Diagnose. „Nur wenn der Arzt genau weiß, um welchen Erkrankungstyp es sich handelt, kann er seinem Patienten und den Angehörigen eine valide Auskunft über Behandlung und Prognose der Erkrankung geben.“

Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. Hans-Albert Gehle, formuliert es so: „Wir sehen nicht nur die sich überall im Land auftuenden Beratungs- und Versorgungsstrukturen, sondern nehmen auch deutlich die Lücken unseres Gesundheitssystems wahr.“ Und dies gerade vor dem Hintergrund der jetzt bestehenden Corona-Pandemielage mit den allseits herrschenden Kontaktsperren, aber auch den Sorgen vor Versorgungsengpässen. „Die Situation, dass Menschen mit Demenz derzeit über Wochen oder gar Monate in Pflegeeinrichtungen isoliert werden, ist bedrückend“, so Dr. Gehle. Hierbei sieht er in der ‚Nationalen Demenzstrategie‘ einen „wichtigen Beitrag, um das gesellschaftliche Leben und die medizinische Versorgung von Menschen mit Demenz in Zukunft besser auszugestalten“.