„Gutachterkommissionen brauchen sich nicht zu verstecken“ - Windhorst: Offener Umgang mit Fehlern ist Patientenschutz

Bei der Gutachterkommission für ärztliche Haftpflichtfragen in Westfalen-Lippe sind im vergangenen Jahr weniger Anträge auf Feststellung eines Behandlungsfehlers eingegangen als noch 2009. 2010 wurden 1.384 Anträge neu eingereicht, das Jahr zuvor waren es noch 1.485 Neuanträge. Dies entspricht einem Rückgang von 6,8 Prozent. Die Kammer weist darauf hin, dass durch die Gutachterkommission in fast 90 Prozent der Fälle der Streit zwischen Arzt und Patient außergerichtlich beigelegt werden kann.

„Patientenschutz bedeutet auch, dem Vorwurf eines Behandlungsfehlers gewissenhaft und offen nachzugehen“, erklärt dazu der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. Theodor Windhorst. Man wolle keine Fehlbehandlung vertuschen, vielmehr seien festgestellte Fehler auch Anlass dafür, ärztliches Handeln zu verbessern. Windhorst legt besonderen Wert auf die Feststellung, dass die Gutachterkommission für ärztliche Haftpflichtfragen in Westfalen-Lippe neutral und objektiv arbeitet. Die Kommission sei nun über 30 Jahre erfolgreich tätig und habe sich in dieser Zeit durch kompetente Arbeit eine hohe Akzeptanz erarbeitet. „Die Gutachterkommissionen in unserem Land brauchen sich nicht zu verstecken, sie sorgen für Transparenz“, sagt der Kammerpräsident. Dies sei vor kurzem auch bei einer Fortbildungsveranstaltung der Frankfurter Medizinischen Gesellschaft deutlich geworden. Dort wurde dargelegt, dass die Quote der festgestellten Behandlungsfehler bei den Gutacher- und Schlichtungsstellen in Nordrhein-Westfalen höher liege als bei Gerichten.

In Westfalen-Lippe sind im vergangenen Jahr 393 Anträge ohne gutachterlichen Bescheid abgeschlossen worden. In 110 Fällen etwa hatten die Patienten das Interesse an der Fortsetzung des Verfahrens verloren. Insgesamt wurden 1.107 Anträge (2009: 1.101) inhaltlich bewertet und mit einem gutachterlichen Bescheid abgeschlossen. Betroffen waren 1.273 Ärzte (2009: 1.285). 943 Behandlungen fanden im Krankenhausbereich und 330 Behandlungen in einer Praxis statt. In 1.103 Fällen (87 %) wurden ärztliche Fehlbehandlungen verneint. In 170 Fällen (13 Prozent, wie im Vorjahr) ist hingegen auf der Basis zweier gutachterlicher Bewertungen ein Behandlungsfehler mit darauf beruhenden Gesundheitsschäden festgestellt worden. Nur etwa zehn Prozent der von der Gutachterkommission bearbeiteten Fälle werden noch vor Gericht verhandelt.

„Die Quote der bejahten Behandlungsfehler ist nach wie vor niedrig“, sagt Windhorst. Aber jeder Behandlungsfehler sei „natürlich einer zuviel“. Nach Aussage ihres Präsidenten wertet die Ärztekammer Westfalen-Lippe die Ergebnisse der Gutachterkommission aus und passt ihr Fortbildungsangebot entsprechend an. „Wir wollen nicht, dass sich Fehler wiederholen. Zu einer guten Fehlerkultur gehört es, Zwischenfälle nicht zu verschweigen, sondern sie offensiv aufzuarbeiten.“

Gegenüber dem Vorjahr gab es 2010 höhere Antragszahlen im Bereich der Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Urologie und Orthopädie mit sowohl steigender als auch sinkender Fehlerfeststellung. Im Gebiet Innere Medizin sind die Anträge rückläufig. In fast zwei Dritteln der Verfahren (682; 61,6 Prozent) konnte der gutachterliche Bescheid vor Ablauf eines Jahres erstellt werden. In vielen Fällen ist aber nach Aussage der Kammer eine schwieriger gewordene Bewertung der komplexen medizinischen Behandlung der Grund für die Länge der Verfahren.