Ethik-Forum der Ärztekammer Westfalen-Lippe - Ärztlich klug entscheiden: Versorgungsqualität für den Patienten muss im Vordergrund stehen

Immer häufiger stehen Ärztinnen und Ärzte vor Diagnose- und Therapieentscheidungen, die sich in einem Spannungsfeld zwischen medizinischer Machbarkeit, ökonomischem Druck und den Wünschen des Patienten bewegen. Die Kluft zwischen ethischem Anspruch ärztlichen Handelns und der Alltagsrealität in der Patientenversorgung wird immer größer. Vor diesem Hintergrund veranstaltet die Ärztekammer Westfalen-Lippe in Münster ihr diesjähriges Ethik-Forum unter dem Titel „Choosing wisely – Ärztlich klug entscheiden als ethisches Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit“.

Um Über- oder Fehlversorgungen zu vermeiden, haben die medizinischen Fachgesellschaften vor einem Jahr Listen von Diagnostik- oder Therapiemaßmahmen erstellt, die trotz fehlender Evidenz häufig durchgeführt werden. Diese Initiative nennt sich „Klug entscheiden“. In den USA wurden schon vor einigen Jahren solche Listen unnötiger oder schädlicher Leistungen unter dem Begriff „Choosing wisely“ veröffentlicht.

Kammerpräsident Dr. Theodor Windhorst: „Mit der ärztlichen Initiative `Klug entscheiden’ soll die hohe Qualität der Patientenversorgung sichergestellt und sollen die vorhandenen Ressourcen im Gesundheitswesen sinnvoll eingesetzt werden.“ Die Anwendung dieser `Klug-entscheiden`-Listen könne die Diskussion um eine Priorisierung von medizinischen Leistungen zur Folge haben, sagt Windhorst. Aber bei der Entscheidung, welche medizinische Leistung mit den zur Verfügung stehenden Mitteln noch finanziert werden sollen, werde der Arzt alleine gelassen“, kritisiert Windhorst. Die Frage nach der angemessenen Verteilung, so der Kammerpräsident weiter, sei immer unter einem sozialethischen Aspekt zu behandeln. Leitende Prinzipien müssten Menschenwürde, Solidarität, Eigenverantwortung und Subsidiarität, das Gemeinwohl sowie die Gerechtigkeit sein. „Welche Leistung wird erbracht und welche nicht und wie werden somit die begrenzten finanziellen Mittel so gerecht wie möglich verteilt? Wir dürfen uns dabei auf keinen Fall ausschließlich an wirtschaftlichen Maßstäben orientieren.“

`Klug entscheiden` solle dazu beitragen, sich als Arzt immer wieder zu hinterfragen, ob alles gemacht werden muss, was möglich ist. „Es widerspricht dem ärztlichen Ethos, nicht zwingend induzierte Behandlungen durchzuführen. In diesen Prozess der Entscheidungsfindung müssen die Patienten zwingend mit eingebunden werden“, sagt Windhorst. Ein verantwortungsvoller Umgang des Arztes bei Diagnose und Therapie sei die Grundlage für das notwendige Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Es ließen sich mit `Klug-Entscheiden` möglicherweise Gelder im Gesundheitswesen einsparen, aber: „Dies darf nicht das vorrangige Ziel sein. Allein die Versorgungsqualität für den Patienten muss im Zentrum stehen.“

Terminhinweis:
Ethikforum 2016: Choosing wisely - Ärztlich klug entscheiden als ethisches Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit
Mittwoch, 9. November 2016, 17.00 - 20.00 Uhr
Gut Havichhorst, Havichhorster Mühle 100, 48157 Münster
Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenfrei.