Ethik-Forum der Ärztekammer - "Das Wohl des Patienten bleibt höchstes Gesetz"

„Wir müssen dafür Sorge tragen, dass die Medizin auch zukünftig am Nutzen für den Patienten ausgerichtet ist und sich nicht an wirtschaftlichen Aspekten und Profitdenken orientiert. Das Wohl des Patienten ist und bleibt höchstes Gesetz.“

Münster, 23. November 2011               59/11_hei

„Wir müssen dafür Sorge tragen, dass die Medizin auch zukünftig am Nutzen für den Patienten ausgerichtet ist und sich nicht an wirtschaftlichen Aspekten und Profitdenken orientiert. Das Wohl des Patienten ist und bleibt höchstes Gesetz.“ Dies fordert der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL), Dr. Theodor Windhorst, zur Eröffnung des jährlichen Ethik-Forums der ÄKWL, das sich diesmal mit der Frage „Wie viel Ethik braucht die Medizin? Patientenversorgung zwischen ethischem Anspruch und Alltagsrealität“ beschäftigt.

In der modernen Medizin haben sich nach Ansicht Windhorsts die Rahmenbedingungen für die Ausübung des ärztlichen Berufes nachhaltig geändert. „Neben der Rolle als Heiler und Helfer unterliegen die Ärzte heute in ihren Entscheidungen vielfachen ökonomischen und administrativen Zwängen, die es erheblich schwieriger machen, die wesentlichen Werte des Arztberufes im Klinik- und Praxisalltag noch zu leben.“ Dazu werde von der Politik und den Medien oft eine grenzenlose Leistungsverfügbarkeit vorgegaukelt, an der sich der Arzt zunehmend messen lassen müsse. „Aber die Ärzteschaft kann diese Heilsversprechen auf Gesundheit nicht immer einlösen, weil es ökonomische Grenzen gibt.“

Windhorst warnt davor, von der „Ware Gesundheit“ zu sprechen. „Damit wird der Arzt zum Dienstleister degradiert und der Patient mutiert zum Kunden.“ Von der Ärzteschaft werde diese Entwicklung nachdrücklich abgelehnt. Es  gehöre zum ärztlichen Ethos, dass der Arzt unabhängig von ökonomischen Rahmenbedingungen nur seinem Patienten gegenüber verantwortlich sei. Im Sinne des Hippokratischen Verständnisses sollten die Ärzte das Wohlergehen des Patienten über finanzielle Interessen stellen und uneingeschränkt loyal gegenüber dem Patienten sein.

Der medizinische Fortschritt habe zu einer deutlichen Verbesserung der Lebenschancen und der Lebensqualität geführt und eröffnet laut Windhorst vielfältige neue Chancen für die Patientenbehandlung und Bekämpfung von Krankheiten. Er sei der Einstieg in das Zeitalter des langen Lebens mit guter Lebensqualität. Doch stelle sich hierbei natürlich auch die Frage, inwieweit eine Versorgung in diesem Umfang auf der Basis der heute zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen noch machbar ist. Diese Finanzierungsfrage stehe auch in einem engen Spannungsfeld zu ethisch-moralischen Grenzfragen wie etwa Nutzen und Gefahren von Gentherapie und Gentests, Reproduktionsmedizin, Stammzellforschung, Sterbehilfe sowie Methoden der Organverteilung in der Transplantationsmedizin und bei der Lebendspende.

Für Windhorst wird sich auch in Zukunft der Arztberuf nicht von ökonomischen Zwängen lösen können. In diesem Spannungsfeld von Ökonomie und Ethik habe der Arzt in der Versorgungsebene die schwierige Rolle eines medizinischen Zuweisers bekommen. „Das ausführliche individuelle Gespräch, die Zuwendung zum Patienten gerät im klinischen Alltag zum betriebswirtschaftlichen Luxus. Eine falsche Anreizpolitik belohnt mehr die Gerätemedizin und weniger das ärztliche Gespräch, kritisiert der Kammerpräsident.

Für Prof. Jens Atzpodien, Vorsitzender des Arbeitskreises Ethik-Rat der Ärztekammer Westfalen-Lippe, soll das Ethikforum der Ärztekammer ganz konkret Wege beschreiben, wie medizinethische Grundprinzipien – von der Selbstbestimmung über die Fürsorge, die Schadensvermeidung bis hin zum Prinzip der Gerechtigkeit – in den ärztlichen Alltag sowohl im ambulanten als auch im stationären Sektor einfließen. Ziel sei es, der Medizinethik einen zentralen Platz in der medizinischen Praxis zu geben, „weniger im Elfenbeinturm der Denker als vielmehr in der Reflexion der ethisch Verantwortlichen und Handelnden“.

Atzpodien: „Nur durch Stärkung der ethischen Ausrichtung können wir das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt schützen und weiterentwickeln. Dieses Verhältnis verlangt ethische Kompetenzen des Arztes, insbesondere vor dem Hintergrund der zunehmenden Ökonomisierung im Gesundheitswesen.“ Ärztliche Entscheidungen benötigten mehr denn je die Orientierung an Werten und darauf fußenden Verhaltensnormen.