Ethik-Forum der ÄKWL: Mensch nach Maß? Möglichkeiten und Grenzen der modernen Medizin - Windhorst: Menschenwürde und Menschenrechte müssen in der Medizin im Focus stehen

Der medizinische Fortschritt bringt nicht nur eine stetig verbesserte Patientenversorgung durch neue medizinische Möglichkeiten, sondern verlangt von der Ärzteschaft auch im-mer ein hohes ethisches Bewusstsein. Die Entschlüsselung des genetischen Bauplans des Menschen etwa wirft die Frage auf, wie diese wissenschaftlichen Daten genutzt werden können oder sollen. „In keinem Fall dürfen sich Ärztinnen und Ärzte für die Erschaffung eines Menschen nach Maß instrumentalisieren lassen“, erklärt der Präsident der Ärzte-kammer Westfalen-Lippe (ÄKWL), Dr. Theodor Windhorst, im Vorfeld des Ethik-Forums der ÄKWL unter dem Titel „Mensch nach Maß? Möglichkeiten und Grenzen der moder-nen Medizin“.

Mit einer DNA-Analyse könne man heute schon zu einem frühen Zeitpunkt die Identität oder Krankheitsrisiken eines Menschen erkennen, so Kammerpräsident Windhorst. „Aber ist das tatsächlich ein Fortschritt? Ist das, was möglich und machbar ist, auch in jedem Fall verantwortbar? Bei allem Segen, die die medizinische Forschung in den letzten Jahr-zehnten gebracht hat, müssen Menschenwürde und Menschenrechte immer im Focus stehen.“ Das ärztliche Ethos müsse insbesondere gegenüber denjenigen gelten, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprächen.

Nach Aussage des Vorsitzenden des Arbeitskreises Ethik-Rat der ÄKWL, Prof. Dr. Dr. Jens Atzpodien, soll das diesjährige Ethik-Forum den Ärztinnen und Ärzten in der Praxis ganz konkrete Unterstützung bei der Bewältigung ethischer Konfliktsituationen geben: „"Wir Ärzte arbeiten in einer immer komplexeren medizinischen Welt. Mit zunehmenden Kön-nen und Wissen bewegt sich die Umsetzung unserer grundlegenden ärztlichen Werte im Alltag - ob Fürsorge für unsere Patienten oder deren Recht auf Selbstbestimmung - in einem zunehmenden Spannungsfeld.“

Die Entscheidung zur Spätabtreibung schwer kranker Ungeborener etwa stürze Eltern in ein schweres moralisches Dilemma. Werde eine gravierende Erkrankung bei einem Baby im Mutterleib festgestellt, entschieden sich die meisten Paare gegen die Fortsetzung der Schwangerschaft. Nach Kammerangaben hat sich ab 2009 die Zahl der Schwanger-schaftsabbrüche jenseits der 25. Woche verdoppelt: 2009 waren es noch 237, 2011 wa-ren es 480. Dagegen seien die Schwangerschaftsabbrüche insgesamt in den letzten zehn Jahren deutlich rückläufig. Dazu Windhorst: „In vielen Fällen ist es so, dass der Lebens-schutz der Befindlichkeit der Eltern untergeordnet wird.“

Jeder Mensch sei Träger uneingeschränkter Menschenwürde und in seiner Person einzig-artig und unverwechselbar. Der Entwicklungsstand einer Persönlichkeit - ob mit oder ohne Behinderung - sollte nach Ansicht Windhorsts nicht als Kriterium für Menschsein herangezogen werden. „Am Umgang mit Menschen mit Behinderung wird das Men-schenbild einer Gesellschaft sichtbar. Es sollte nicht zu einem Automatismus kommen zwischen der vorgeburtlichen Prognose einer Behinderung und einem Schwanger-schaftsabbruch. Es darf nicht sein, dass Kinder, die mit einer Behinderung zur Welt kommen, als ein vermeidbares Übel angesehen werden. Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass auch Menschen mit Behinderung ein glückliches und erfülltes Leben füh-ren können.“