Deutscher Ärztetag in Dresden debattiert auch über die gerechte Verteilung von medizinischen Leistungen - Windhorst sieht große Herausforderungen für die Medizin in einer älter werdenden Gesellschaft

Das Thema der gerechten Verteilung in der medizinischen Versorgung muss angesichts begrenzter Finanzmittel und gleichzeitig steigender Inanspruchnahme von Leistungen klar und deutlich geführt werden. Diese Forderung erhebt die Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL) im Vorfeld des 113. Deutschen Ärztetages, der kommende Woche in Dres-den stattfinden wird. „Wir stehen vor der großen Herausforderung, wie wir in einer älter werdenden Gesellschaft mit steigendem Versorgungs- und Finanzierungsbedarf eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung der Bevölkerung auf Dauer sicherstellen können“, sagt Kammerpräsident Dr. Theodor Windhorst. Die Bundesregierung habe angekündigt, die medizinischen Versorgungsstrukturen auf eine Gesellschaft des langen Lebens hin ausrichten zu wollen. „Die Ärzteschaft bietet der Politik dabei die Zusammenarbeit unter den Aspekten der Versorgungsgerechtigkeit an“, sagt ÄKWL-Präsident Windhorst.

Studien des renommierten Fritz-Beske-Institutes in Kiel zeigen die Effekte der demografischen Entwicklung auf die Gesundheitsversorgung. Demnach werden Mehrfacherkran-kungen und altersbedingte Krankheiten bei den Patienten zunehmen, ein größerer Versorgungsaufwand und höhere Kosten sind die Folgen. Bis 2050 prognostiziert das Insti-tut ein Plus von 75 Prozent bei Herzinfarkterkrankungen, die Zahl der Schlaganfälle wird um zwei Drittel steigen, die Neuerkrankungen an allen Krebsformen steigt um über 25 Prozent, die der Demenzpatienten verdoppelt sich von 1,1 Millionen auf 2,2 Millionen. Die Auswirkungen auf die Kosten der Versorgung sind der Studie zufolge immens – das Institut erwartet in 40 Jahren GKV-Beitragssätze zwischen 27 und 43 Prozent.

Um den Herausforderungen einer Gesellschaft des langen Lebens zu begegnen, sind nach Meinung der Ärztekammer Westfalen-Lippe auf allen Versorgungsebenen Anstrengungen nötig. Die Ärzteschaft begrüße deshalb die Ankündigung der Bundesregierung, Maßnahmen zur Nachwuchsgewinnung und zur Förderung von Medizinstudierenden ergreifen zu wollen, so Windhorst. Ebenso sollen Anreize und Hilfen zur Förderung von Niederlas-sungsmöglichkeiten von Ärztinnen und Ärzten insbesondere in unterversorgten Gebieten sowie eine intensivierte Förderung der Weiterbildung in der Allgemeinmedizin ermöglicht werden.

Windhorst: „Zur Förderung der Attraktivität des Arztberufes müssen darüber hinaus Freiheit und Autonomie der ärztlichen Berufsausübung wieder hergestellt werden. Vor allem aber müssen wir die Arbeitsbedingungen von Ärztinnen und Ärzten familienfreundlicher und sozialgerecht gestalten. Überstundenberge müssen unter Berücksichtigung des Arbeitszeitgesetzes abgebaut und mehr Stellen an den Krankenhäusern geschaffen werden.“ Der 113. Deutsche Ärztetag stelle sich den mit seinen Themen den Herausforde-rungen der Zukunft.

Die Ärzteschaft sei nicht länger bereit, im direkten Arzt-Patienten-Kontakt immer wieder den Kopf für gesundheitspolitische Fehlentwicklungen hinzuhalten. Windhorst: „Wir wollen, dass jeder Patient auch in Zukunft das bekommt, was er wirklich benötigt. Wenn die Politik die Finanzmittel weiter begrenzt, muss mit allen Beteiligten eine gerechte Verteilung der Leistungsgewährung festgelegt werden. Die vorhandenen Mittel sollen für diejenigen bereit stehen, die sie tatsächlich am nötigsten gebrauchen.“ Den dazu notwendigen Konsens im vorpolitischen Raum sollte ein Gesundheitsrat erarbeiten, in dem Ärzte gemeinsam mit Ethikern, Juristen, Gesundheitsökonomen, Theologen, Sozialwis-senschaftlern und Patientenvertretern Empfehlungen entwickeln. Die letzte Entscheidung aber müsse politisch verantwortet werden, „denn nur dann gibt es die entsprechende demokratische Legitimation“, so Kammerpräsident Windhorst.