Corona-Update (UKM / ÄKWL): Vierte Welle?

Hohe Inzidenzen in Nordrhein-Westfalen und steigende Patientenzahlen in den Krankenhäusern des Landes zeigen: Die vierte Pandemie-Welle ist da. Angesichts der bevorstehenden Herbst- und Wintersaison raten UKM (Universitätsklinikum Münster) und Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL) bisher Unentschlossenen eindringlich zur Impfung. Die Patienten auf den Intensivstationen werden immer jünger und gehören nur noch selten zu den identifizierten Risikogruppen. Insbesondere eine Impfung von Schwangeren wird von den Medizinern empfohlen. Und auch für das Krankenhauspersonal wollen sie zeitnah Auffrischimpfungen.

Münster (ukm/aw). Seit Wochen hat Nordrhein-Westfalen bundesweit die höchsten Inzidenzzahlen – verantwortlich gemacht werden dafür insbesondere das frühe Ende der Sommerferien und der Schulstart. Der Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende des UKM (Universitätsklinikum Münster), Univ.-Prof. Dr. med. Dr. h.c. Hugo Van Aken, und der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL), Dr. med. Hans-Albert Gehle, zeigen sich angesichts der ungebrochen hohen Zahl der Infektionen im Land besorgt. „Mit den hohen Infektionszahlen ist auch die Zahl der Patienten auf den Intensivstationen der Krankenhäuser proportional angestiegen“, so Van Aken beim heutigen gemeinsamen Pressegespräch. „Am UKM sind diese Patienten alle in der Altersgruppe zwischen 20 und 49 Jahren. Es handelt sich ausschließlich um nichtimmunisierte Patienten. Die Verläufe sind allesamt schwer – die meisten dieser Patienten brauchen ein ECMO-Verfahren. Wir gehen davon aus, dass sich die Delta-Variante des SARS-CoV-2-Virus als noch letaler erweisen könnte als das Ursprungsvirus.“

Ärztekammerpräsident Gehle weist dezidiert darauf hin, dass nun möglichst bald Auffrischimpfungen des Klinikpersonals vorgenommen werden müssten. „Auch wenn noch kein Impfstoff für eine Booster-Impfung zugelassen ist, können wir hier nicht länger warten und müssen die Drittimpfungen mit den vorhandenen Impfstoffen beginnen. Ärzte und Pflegende sind sonst potentielle Überträger und können natürlich auch selbst erkranken, wenn auch mit leichteren Verläufen.“ Der Ärztliche Direktor des UKM, Van Aken, wünscht sich vor diesem Hintergrund eine 2G-Regelung für die Beschäftigten im Gesundheitswesen. „Es ist in Ordnung, wenn in der Bevölkerung für Veranstaltungen 3G gilt. Aber unsere Angestellten arbeiten in einem besonderen Umfeld mit sehr vulnerablen Patienten. Diese müssen wir schützen. Eine tägliche Testung ist nicht sicher genug, deshalb müssen die Freiheitsrechte des Einzelnen zumindest für die Beschäftigten des Gesundheitssektors dahinter zurücktreten“, macht Van Aken deutlich. Weiterhin rufen beide die Bevölkerung auf, sich impfen zu lassen. „Die Gefahr, dass sich im Herbst, wenn wir uns alle wieder überwiegend in geschlossenen Räumen aufhalten, die Ansteckungen abermals vollkommen unkontrolliert ausbreiten, ist immens“, so Gehle.

Auch hinsichtlich der Situation in Schulen und Kindertagesstätten fordern die beiden Mediziner, neue Wege zu beschreiten. Gehle zeigte sich unzufrieden mit der bundesweiten „5–Tage-Regelung mit Freitestung“, wie sie die Ministerpräsidentenkonferenz in dieser Woche beschlossen hat, begrüßt hingegen die Entscheidung der NRW-Landesregierung, die in Zukunft bei den Quarantäneentscheidungen in Schulen und Kinderbetreuung den Fokus auf der Quarantänisierung nur einzelner infizierter Kindern legen will. Die Bundesregelung entspräche nicht der Empfehlung der Kinder- und Jugendmediziner und würde stattdessen die psycho-sozialen Folgen für Kinder, die unnötigerweise in Quarantäne geschickt würden, vergrößern. Beide Mediziner fordern, dass auch für die jüngeren Kinder in Kindertagesstätten neue Regelungen gefunden werden müssen. „Die Folgen für die weitere Entwicklung sind noch unübersehbar. Wir sollten sehr genau achten, dass wir die Rechte und Bedürfnisse der Kinder nicht geringschätzen“, so Van Aken und Gehle unisono. 

Unterdessen rückt auch eine Impfung von Schwangeren in den Fokus: Unter den vergleichsweise jungen Intensivpatienten mit schweren Verläufen am UKM waren in den letzten Wochen unter anderem einige werdende Mütter. „Leider kann Covid-19 bei Schwangeren einen sehr schweren und sogar tödlichen Verlauf nehmen“, sagt Prof. Ralf Schmitz, einer der Leiter der UKM Geburtshilfe und Pränatalmedizin. „Studien zeigen: Die Gefahr, dass die Verläufe fulminant werden und infizierte Schwangere intensivmedizinisch betreut werden müssen, ist sechs Mal höher. Das Risiko einer Beatmung sogar 23 Mal größer, als bei Nicht-Schwangeren. Auch die Gefahr der Frühgeburtlichkeit steigt enorm.“

Studien belegen, dass mRNA-Impfstoffe hinsichtlich möglicher Nebenwirkungen bei Schwangeren keine Unterschiede im Vergleich zu Nicht-Schwangeren zeigen und auch nicht mit erhöhten Schwangerschaftskomplikationen verbunden sind.