Ärztenotstand in OWL - "Jetzt gegensteuern" - Kammer: Zukünftiger Bedarf an Ärzten ist in Ostwestfalen-Lippe überdurchschnittlich hoch

Der Bedarf an Nachwuchs-Medizinern ist mittel- und langfristig in Ostwestfalen-Lippe überdurchschnittlich hoch. Darauf weist die Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL) hin. In den nächsten 15 Jahren werden in OWL bis zu 3.500 Ärztinnen und Ärzte altersbedingt aus der kurativen Patientenversorgung ausscheiden. Dies betrifft fast ein Drittel der Klinikärzte und fast zwei Drittel der niedergelassenen Ärzte. Ab 2030 werden aus heutiger Sicht doppelt so viele Ärztinnen und Ärzte aus der Berufstätigkeit ausscheiden als nachrücken.

„Der Ärztemangel ist in Ostwestfalen-Lippe längst angekommen“, sagt ÄKWL-Präsident Dr. Theodor Windhorst. „Wir müssen jetzt gegensteuern, damit wir einen zukünftigen Arzt-Notstand in der Region vermeiden. Denn nicht nur, dass die Ärzte Mangelware werden, die Nachfrage nach medizinischen Leistungen wird auch in Zukunft weiter zunehmen. Es droht uns der Rückfall auf ein Versorgungsniveau der 70er Jahre. Das wollen und können wir den Patienten nicht antun.“

Ein Blick auf die Altersstruktur der Ärzteschaft in OWL zeige, dass das Alter sowohl der Niedergelassenen als auch der Klinikärzte in OWL im NRW-Vergleich überdurchschnittlich hoch ist. Zugleich ist in der Region OWL der Anteil der Hausärzte im Alter bis 45 Jahre vergleichsweise niedrig. „Der fehlende medizinische Nachwuchs ist aber nicht nur ein Problem im hausärztlichen, sondern auch im fachärztlichen Bereich“, erklärt Windhorst.

Besonders gravierend ist laut Kammerpräsident der Ärztemangel in den Krankenhäusern. Derzeit fehlen in OWL etwa 150 Klinikärzte. Bis 2019 werden etwa 780 Ärzte zusätzlich in den Krankenhäusern benötigt. Dazu Windhorst: „Ärzte, die heute im Krankenhaus fehlen, werden in Zukunft in der ambulanten Versorgung fehlen. Der Mangel an Klinikärzten heute ist der Mangel an niedergelassenen Kollegen morgen.“

Eine zentrale Ursache für den im NRW-Vergleich niedrigeren Ärztebestand in Westfalen-Lippe und insbesondere in OWL sieht Windhorst in der ungleichen Verteilung der universitären Kapazitäten zwischen den einzelnen Landesteilen. In Nordrhein gibt es fünf Medizinische Fakultäten, in Westfalen-Lippe lediglich zwei in Münster und Bochum. „Aktuelle Studien belegen, dass Nachwuchsmediziner bereit sind, nach dem Studium in der Region um ihre Universität und Fakultät ärztlich tätig zu werden. Auch deshalb macht die Einrichtung einer Medizinischen Fakultät in Bielefeld mehr als Sinn, sie ist unbedingt notwendig.“

Die Gründe für den Ärztemangel liegen nach Ansicht der Kammer vor allem in dem 2006 geänderten Arbeitszeitgesetz, einer Steigerung des Frauenanteils bei den Studierenden sowie dem gestiegenen Anspruch der Jungmediziner nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die verbindliche Umsetzung des Arbeitszeitgesetzes habe in den Krankenhäusern dazu geführt, dass ein erheblicher Mehrbedarf entstanden sei. Dieser werde jedoch nicht durch Erhöhung der Medizinerausbildungsplätze, sondern durch Arbeitsverdichtung kompensiert. Zudem sei die junge Generation von Ärztinnen und Ärzte nicht mehr willens, so viele Stunden bei der Arbeit zu verbringen, wie noch die Generation vor zehn bis 15 Jahren, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie spiele heute eine größere Rolle. Dies führe aber auch dazu, dass weniger Arbeitskraft in Stunden zur Verfügung steht, so Windhorst.

„Wir brauchen einen ganzen Maßnahmenkatalog, um den drohenden Arztnotstand zu beseitigen. Dazu gehören die Verbesserung der Arbeitsbedingungen an den Krankenhäusern und eine bessere Vereinbarkeit von ärztlichem Beruf und Familie. Die ärztliche Tätigkeit am Patienten müsse attraktiv bleiben, damit ein Großteil der ausgebildeten Ärztinnen und Ärzte in der Patientenversorgung tätig bleibt. Wir brauchen mehr Ausbildungsplätze an den Universitäten und die Zugangsbedingungen zum Studium müssen angepasst werden.“ Notwendig sei zudem eine Verbesserung der ärztlichen Weiterbildung, um die ärztliche Tätigkeit von Anfang an attraktiver zu gestalten.