Ärztekammer Westfalen-Lippe, Universitätsklinikum Münster und Medizinische Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität - Gemeinsame Pressemitteilung: Maßnahmenkatalog gegen den Ärztenotstand in Westfalen-Lippe

Ohne Gegensteuern wird das hochstehende medizinische Niveau in Westfalen-Lippe nicht weiter zu gewährleisten sein. Auf diese ernstzunehmende Folge des zunehmenden Ärztemangels weisen die Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL), das Universitätsklinikum Münster (UKM) sowie die Medizinische Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in einer gemeinsamen Erklärung hin. Ziel der drei Institutionen: Jetzt gegensteuern, um langfristig bis 2030 einen Rückfall auf das Versorgungsniveau der 70er Jahre zu verhindern.

In Nordrhein-Westfalen sind derzeit etwa 1200 klinische und 500 ambulante Arztstellen unbesetzt. Das bedeutet umgerechnet für Westfalen-Lippe knapp 600 offene klinische und circa 250 offene ambulante Arztstellen. In den nächsten 15 Jahren werden in Westfalen-Lippe bis zu 13.600 Ärztinnen und Ärzte altersbedingt aus ihrer Tätigkeit ausscheiden. Dies betrifft 3.900 Krankenhausärztinnen und -ärzte (25% der Krankenhausärzteschaft) sowie 7.500 ambulant tätige Ärztinnen und -ärzte (60% der ambulant tätigen Ärzteschaft). Insbesondere ab 2017 werden deutlich mehr Ärztinnen und Ärzte altersbedingt aus der Versorgung ausscheiden als neu hinzukommen.

„Der Ärztemangel lässt sich nicht wegdiskutieren“, erklärt dazu der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. Theodor Windhorst. Dies werde in den Krankenhäusern und für die Praxen insbesondere in den ländlichen Regionen immer gravierender und dürfe nicht verharmlost werden. Die demografische Entwicklung der Gesellschaft etwa habe eine steigende Nachfrage nach medizinischen Leistungen zur Folge. „Gerade in einer Gesellschaft des Älterwerdens und des langen Lebens dürfen nicht immer mehr Jungmediziner nach dem Examen oder der Weiterbildung ins Ausland oder in fachfremde Berufsfelder außerhalb der Kuration abwandern und somit für die Patientenversorgung in Praxen und Krankenhäusern verloren gehen“, sagt Windhorst.

Der Vorstandsvorsitzende und Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Münster, Prof. Dr. med. Norbert Roeder, warnt davor, den Ärztemangel „lediglich als Verteilungsproblem anzusehen“. Vielmehr sei in den letzten Jahren eine Diskrepanz zwischen Ausbildungsstellen und ärztlichem Bedarf entstanden. Die Anzahl der Studienplätze und damit die Ausbildungskapazität sei in Deutschland in den letzten Jahren nicht erhöht worden, die Nachfrage nach ärztlicher Arbeitskraft aber deutlich gestiegen. „Es ist ein erhebliches Missverhältnis entstanden, woraus besonders in den ländlichen Regionen ein stark spürbarer Ärztemangel resultiert“, so Roeder. „Dieser kommt aber zunehmend auch in städtischen Regionen an“

Diese Eindrücke bestätigt auch der Dekan der Medizinischen Fakultät, Prof. Wilhelm Schmitz: „Es vergeht keine Woche, ohne dass Arbeitsvermittler, Kliniken oder Praxisinhaber auf Nachfolgersuche bei uns anrufen, überwiegend aus ländlichen Bereichen“. Unter anderem mit einem Ausbau des Faches Allgemeinmedizin, einem hochgradig praxisnahen Studium und Innovationen wie dem Studienhospital versuche die Fakultät, ihre Studierenden für eine spätere kurative Tätigkeit zu gewinnen. „Die jungen Leute, die zu uns kommen, sind hoch motiviert und haben, das belegen Befragungen, meist eine Tätigkeit in der Krankenversorgung zum Ziel. Wenn sie dort später nicht ankommen, liegt das an Defiziten des Gesundheitssystems“, so Schmitz. Die gerade beschlossene Erhöhung der Medizinstudienplätze in NRW wird von ihm begrüßt, sie reiche aber nicht aus, um die Probleme zu lösen.       

Die Gründe für den Ärztemangel sehen Windhorst, Roeder und Schmitz vor allem in dem 2006 geänderten Arbeitszeitgesetz, einer Steigerung des Frauenanteils bei den Studierenden sowie dem gestiegenen Anspruch der Jungmediziner nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dabei müsse berücksichtigt werden, dass in der Versorgung nicht nur die Zahl der tätigen Ärztinnen und Ärzte relevant ist, sondern das in der Kuration tatsächlich zur Verfügung stehende Arbeitszeitvolumen entscheidend ist.

Windhorst: „Die verbindliche Umsetzung des Arbeitszeitgesetzes hat in den Krankenhäusern dazu geführt, dass ein erheblicher Mehrbedarf entstanden ist. Dieser wurde jedoch nicht durch Erhöhung der Medizinerausbildungsplätze kompensiert. Derzeit wird der ärztliche Mehrbedarf durch Arbeitsverdichtung kompensiert. Das kann aber nicht mehr lange gut gehen. Die Krankenhausärzte sind an ihrem Limit angekommen.“

Der Frauenanteil beim Medizinstudium sei auf über 60 Prozent  gestiegen erklärt Roeder. „Frauen zeigen aber nachweislich nicht die gleiche Präsenz am Arbeitsplatz wie Männer, da sie durch Schwangerschaft und Erziehungsaufgaben ihre Berufstätigkeit häufig unterbrechen oder ihre Berufstätigkeit in Teilzeit ausüben. Seriöse Untersuchungen weisen nach, dass etwa drei Frauen benötigt werden, um die Arbeitszeit von zwei Männern im Job zu kompensieren.“

Zudem sei die junge Generation von Ärztinnen und Ärzte nicht mehr willens, so viele Stunden bei der Arbeit zu verbringen, wie noch die Generation vor zehn bis 15 Jahren, sagen die Vertreter von ÄKWL, UKM und Medizinischer Fakultät. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie spiele heute eine größere Rolle. Dies führe aber auch dazu, dass weniger Arbeitskraft in Stunden zur Verfügung steht.

Einig sind sich Kammerpräsident Windhorst, UKM-Vorstandsvorsitzender Roeder und Dekan Schmitz von der Medizinischen Fakultät in Münster in ihrem Maßnahmenkatalog zur Bekämpfung des Ärztemangels. Dazu gehören die Verbesserung der Arbeitsbedingungen an den Krankenhäusern und eine bessere Vereinbarkeit von ärztlichem Beruf und Familie. Die ärztliche Tätigkeit am Patienten müsse attraktiv bleiben, damit ein Großteil der ausgebildeten Ärztinnen und Ärzte in der Patientenversorgung tätig bleibt. Zusätzlich sollen die Ausbildungskapazitäten an den Universitäten erhöht und die Zugangsbedingungen zum Studium angepasst werden. Notwendig sei zudem eine Verbesserung der ärztlichen Weiterbildung, um die ärztliche Tätigkeit von Anfang an attraktiver zu gestalten. Die Erhöhung der Attraktivität einer Tätigkeit in unterversorgten Regionen zum Beispiel mittels Zuschlägen für Tätigkeiten in weniger attraktiven Gebieten sowie strukturierte Maßnahmen zur medizinischen und gesellschaftlichen Integration ausländischer Ärztinnen und Ärzte sind demnach ebenso notwendig.

 

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