Ärzte vor der Entscheidung: Zuwendung oder Zuteilung? - Kammer: “Wir sind keine Verwalter und Verteiler von Gesundheitsleistungen“

Der dramatisch steigende ökonomische Druck im Gesundheitswesen hat nach Ansicht der Ärztekammer Westfalen-Lippe direkte Auswirkungen auf die ärztliche Tätigkeit in den Praxen und Krankenhäusern. „Als Ärzte fühlen wir uns dem Helfen und Heilen verpflichtet – mit ökonomischer Verantwortung! Wir wollen angesichts fehlender finanzieller Mittel keine Verwalter und Verteiler von Gesundheitsleistungen sein! Wir stehen für eine gute Patientenversorgung!“ Dies erklären Dr. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, und Dr. Klaus Reinhardt, Vizepräsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, gemeinsam anlässlich des zweiten Westfälischen Ärztetages in Münster, der unter dem Titel „Arztberuf im Wandel: Von der Zuwendung zur Zuteilung?“ von der Ärztekammer veranstaltet wird.

Nach Ansicht von Windhorst und Reinhardt steht der Arzt gezwungenermaßen am Scheideweg: Ist Arztsein noch primär von Zuwendung geprägt? Oder geht es längst vor allem um Zuteilung, weil Ärzte die immer größere Lücke zwischen Leistungsbedarf in der Patientenversorgung und finanziellen Möglichkeiten des Gesundheitssystems überbrücken müssen. Diese Fragen seien für das ärztliche Selbstverständnis von großer Bedeutung.

Windhorst: „Die Schere zwischen medizinischen Möglichkeiten und begrenzten finanziellen Mitteln öffnet sich weiter. Dabei sind Rationalisierungsreserven weitestgehend ausgeschöpft. Eine umfassende Patientenversorgung wird zunehmend eingeschränkt. Das Schlimme dabei: Das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt wird belastet.“ Reinhardt ergänzt: „Der Arzt schuldet dem Patienten eine Behandlung entsprechend dem medizinischen Standard. Aber immer häufiger stehen Ärzte vor der Frage, welche medizinische Leistung soll mit den zur Verfügung stehenden Mitteln finanziert werden?“

Eine versteckte Rationierung von Leistungen sei bereits Realität. Deshalb müsse eine angemessene Verteilung medizinischer Leistungen in der Gesellschaft offen diskutiert werden, fordern Windhorst und Reinhardt. Aus diesem Grund sei eine Prioritätensetzung erforderlich. „Leitende Prinzipien dabei sind Menschenwürde, Solidarität, Eigenverantwortung, Subsidiarität, Gemeinwohl und Gerechtigkeit.“ Dazu kämen die Kriterien medizinische Bedürftigkeit, Schweregrad und Gefährlichkeit der Erkrankung und Dringlichkeit des medizinischen Eingreifens.

Die Entscheidung über eine Priorisierungsliste soll nach Ansicht der Ärztekammer Westfalen-Lippe von einem „Bundesgesundheitsrat“ getroffen werden, der mit Vertretern von Ärzten und Patienten, von Kostenträgern sowie der Politik besetzt ist.

Windhorst und Reinhardt abschließend: „Unser Ziel ist ein breiter Konsens über die gerechte Verteilung von Gesundheitsleistungen im Sinne einer guten medizinischen Versorgung der Patienten.“