3. Ethik-Forum der ÄKWL: Gute Medizin auch noch im Alter? - Zugang zur Versorgung darf alten Menschen nicht aus ökonomischen Gründen verwehrt werden

Die Gesellschaft steht vor einem Dilemma: Der Bedarf an medizinischen Leistungen wird bei einer immer älter werdenden Gesellschaft steigen. Dem stehen unzureichende Einnahmen im Bereich der gesetzlichen Krankenkassen und Pflegeversicherung entgegen. Der demographische Wandel führt also zu einem veränderten Versorgungsbedarf, der mit den bestehenden Versorgungsstrukturen nicht hinreichend abgedeckt werden kann.

„Und damit steht auch die Ärzteschaft vor einer großen Herausforderung. Bislang sind es nämlich meist Ärztinnen und Ärzte, die die Entscheidung zu treffen haben, welcher Patient bei begrenzten Mitteln welche Leistungen erhält“, erklärt der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL) im Vorfeld des dritten Ethik-Forums der Kammer, das heute (Mittwoch) in Münster unter dem Titel „Gute Medizin für alle – auch noch im Alter? Ethische Herausforderung für Ärzte/innen in einer alternden Gesellschaft“ stattfindet. Hinzu komme: „Wenn wir vor diesem Hintergrund nicht schnell gegensteuern, müssen wir mit eklatanten Versorgungslücken rechnen.“ Denn der Leistungsbedarf der Patienten und die Leistungsfähigkeit der Medizin entwickelten sich gegenläufig zu den Einnahmen, wie schon Bundeskanzlerin Merkel erkannt habe. Windhorst fordert deshalb Strategien, wie mit den begrenzten Mitteln der gesamten Bevölkerung eine adäquate medizinische Versorgung angeboten werden könne.

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen beträgt heute 81 Jahre, 1990 waren es nur 78 Jahre, bei Männern stieg die Lebenserwartung von 72 Jahren (1990) auf heute 75 Jahre. Nach Schätzungen des statistischen Bundesamtes wird die Anzahl der Pflegebedürftigen allein als Folge der demographischen Entwicklung in den nächsten 20 Jahren bis zu 50 Prozent zunehmen. Andere Berechnungen gehen davon aus, dass es im stationären Bereich bis zum Jahr 2020 zu einer Steigerung des Versorgungsbedarfs um knapp 44 Prozent für Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems kommt. Es wird ein um bis zu 77 Prozent erhöhter Versorgungsbedarf für die Versorgung von Schlaganfall oder Herzinsuffizienz in der Altersgruppe der 75jährigen und älteren erwartet. Annahmen über die erwartete Versorgung von Krankheitsbildern wie organische Psychosen, Diabetes mellitus oder Oberschenkelhalsbrüche in dieser Altersgruppe gelangen zu Steigerungsraten von 63 bis 74 Prozent.

„Vor diesen prognostizierten Entwicklungen dürfen die Ärzte nicht alleine gelassen werden mit der Frage, welche Therapie oder Operation für ältere Patienten noch in Frage kommen. Hierzu brauchen wir einen gesellschaftlichen Dialog, der hoffentlich zu einem breiten Konsens führen wird“, so Windhorst.

Nach Aussage des Vorsitzender des Arbeitskreises „Ethik-Rat“ der ÄKWL, Prof. Dr. med. Dr. phil. Jens Atzpodien, kämpft die Ärzteschaft für eine adäquate, auf den Einzelnen zugeschnittene medizinische Versorgung der älteren Menschen, deren Lebenserwartung sich nicht zuletzt dank medizinischer Fürsorge und dank der Erkenntnisfortschritte in der Medizin verlängert habe. „Immer wirksamere und verträglichere Behandlungen ermöglichen alten Menschen heute ein Mehr an Lebensqualität. Bei der Gesundheitsversorgung alter Menschen darf der Zugang zu ärztlicher Expertise nicht aus ökonomischen Gründen erschwert oder gar verhindert werden“, so Atzpodien. Dennoch sollten die Ärzte bei dem Bemühen, das Beste für den Einzelnen zu tun, nicht die Belastung der Solidargemeinschaft außer Acht lassen. Deshalb bedürfe es eines „ständigen Abwägens, das den tatsächlichen Nutzen medizinischer Interventionen zu den hiermit verbundenen Belastungen ins Verhältnis setzt“. Diese Entscheidung könne nur von den Ärzten im Dialog mit den Patienten getroffen werden.