08.08.2017

Versorgung einer älter werdenden Gesellschaft erfordert Kooperation zwischen allen Ebenen - Windhorst will klare Strukturen für die geriatrische Versorgung

Die medizinische Versorgung einer immer älter werdenden Gesellschaft ist für die Ärztekammer Westfalen-Lippe eine der großen Herausforderungen der Zukunft. „Im Bereich der Patientenversorgung im Alter gibt es weitaus mehr offene Fragen als Antworten“, sagt Kammerpräsident Dr. Theodor Windhorst in der aktuellen Ausgabe des Westfälischen Ärzteblattes. In der geriatrischen Versorgung der Bevölkerung laufe „vieles durcheinander“. Die medizinischen Versorgungsstrukturen müssten auf eine Gesellschaft des langen Lebens hin ausgerichtet werden. Vor dem Hintergrund begrenzter Finanzmittel und gleichzeitig steigender Inanspruchnahme von Leistungen fordert Windhorst „klare Strukturen für die geriatrische Versorgung vor allem für den Transfer zwischen stationärer und ambulanter Ebene“.

Viele Krankenhäuser hätten sich längst im Sinne einer massiv erweiterten „Rundumversorgung der kranken Alten“ in Stellung gebracht. Doch als Akutpatienten seien auch ältere Menschen nur kurz im stationären Bereich, in der zeitlichen Dauer wiege der ambulante Anteil der Versorgung schwerer. Der Übergang dorthin gestalte sich aber oft schwierig. „Deshalb sind vernünftige Strukturen für den Transfer zwischen den Versorgungssektoren dringend erforderlich“, so Windhorst.

Derzeit stehe bei der Suche nach „Kümmerern“ für ambulante geriatrische Versorgung der Netzgedanke hoch im Kurs. Der habe allerdings den gewichtigen Nachteil, „dass ein Netz nur denen hilft, die drin sind“, schon für Patientinnen und Patienten mit der „falschen Versichertenkarte“ könne die neue Versorgungswelt ein unerreichbarer Wunsch bleiben. Ohnehin könnten räumlich und im Zugang beschränkte Netze nur eine Übergangslösung sein, denn von einer flächendeckenden Verbesserung der Versorgung sei dieser Ansatz weit entfernt.

Laut Windhorst muss hier der Hausarzt verstärkt ins Blickfeld rücken. Dieser sei keinesfalls ein Lückenbüßer, sondern habe vielmehr die geriatrische Kompetenz, die Ärzte anderer Fachgebiete nur durch Zusatzqualifikationen erwerben würden. Ein neu zu schaffender „Facharzt für Geriatrie“, wie er in den vergangenen Jahren verschiedentlich gefordert wurde, sei nicht die Lösung für die anstehenden Versorgungsprobleme, ein allein mit Pflegefachleuten besetztes „Geriatriemobil“ nach britischem Vorbild aber auch nicht. „Am Ende wird es nur durch die strukturierte Zusammenarbeit von Haus- und Fachärzten und anderen Gesundheitsfachberufen gelingen, diese Versorgungsaufgabe zu lösen.“

Doch nicht überall, wo Kooperation draufstehe, sei auch das Beste für den älteren Patienten drin: „Höchste Vorsicht ist immer dann geboten, wenn mit neuen Nischenlösungen für Einzelprobleme von Diabetes bis Wundversorgung unauffällig, aber nachhaltig am Aufgabenspektrum des Hausarztes geknabbert werden soll.“ Der Hausarzt habe seit jeher gemeinsam mit fachärztlichen Kolleginnen und Kollegen, beispielsweise in der Neurologie und Orthopädie, den Versorgungsbereich Geriatrie im Überblick. „Er hat sui generis die Kompetenz für diese Art von Versorgung.“

Ohne Frage ein guter Ansatz sei die Einrichtung von Koordinierungspunkten, in denen mit ärztlicher Kompetenz der Weg in die individuell angepasste Versorgung gebahnt werde. Aber auch das gehe nicht mit Nischenlösungen, sondern nur mit flächendeckenden Strukturen, die allen Patienten nutzten. In Westfalen-Lippe zeige die palliativmedizinische Versorgung, wie solch eine Aufgabe gelöst werden kann.

CIRS-NRW

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